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Stiva da morts – die Totenstube von Vrin

Seit Herbst 2002 haben die Vriner ihre 'Stiva da morts'. Der Totenstube ist auch eine Ausstellung an der ETH Zürich vom 16. Januar bis 20. März 2003 mit Fotos von Lucia Degonda und Reflektionen über Architektur, Leben und Tod von Gion A. Caminada, Martin Tschanz und Andreas Luzi Cabalzar gewidmet. Der langjährige Prozess und Werdegang der Vriner Totenstube ist auch in einem reichlich illustrierten Einzelband mit dem Titel 'Stiva da morts - Vom Nutzen der Architektur' dokumentiert.

Wer sich in diese anspruchsvolle Lektüre vertieft, will gewiss aufbrechen und eine ihm unbekannte Welt erkunden. Darin bestärkt wird man durch die kunstvollen Bilder der Fotografin Lucia Degonda. Dem Atuorenteam und der Fotografin ist es gelungen, Text und Bild zu einer harmonischen Einheit verschmelzen zu lassen.

In seiner Einleitung schildert der Architekt Gion A. Caminada eindrucksvoll den demokratischen Entstehungsprozess der öffentlichen Totenstube im Bergdorf Vrin. Das neue Vorhaben bedeutete zugleich einen tiefgreifenden Einschnitt in eine fest verwurzelte Tradition im Umgang mit den Toten. Die Kernfrage stellte sich, ob Zeitgenossen das Recht haben, bestehendes Kulturgut über Bord zu werfen, um neue Formen des kulturellen Lebens entwickeln zu können.

Seit Jahrhunderten kündigen die Turmglocken jeden Morgen um fünf den Tagesanbruch an. Auch heute noch, obwohl der Fortschritt diese sehr urtümliche Form der Zeitansage schon längstens überflüssig gemacht hat. Das nennt der Architekt und Autor Caminada Kultur. Eine Schöpfung der Menschheit, die uns Menschen hilft, das Rätsel der göttlichen Schöpfung besser zu ertragen. Eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Kultur, in welcher Form auch immer, soll uns Menschen besinnlich stimmen und die Augen für Werte öffnen, die uns vom Alltäglichen ablenken.

Aber auch Kultur unterliegt dem Wandel der Zeit. Mancherorts ist das morgendliche Kirchengeläut aus nachvollziehbaren Gründen schon längstens verstummt. Neue Ansätze des gemeinschaftlich geführten Kulturlebens drängen sich auf. Im Wissen, dass auch im weit entfernten Vrin Brauchtum zusehends an Bedeutung verliert, ist der Wunsch erwacht, einen Wandel im Umgang mit den Toten herbeizuführen. Die Dorfbevölkerung traf sich zu einer ersten Diskussion. Äusserst intensiv und emotionsgeladen soll sie gewesen sein. Vorsicht als oberstes Gebot, ja keine falschen Entscheidungen treffen. Zum ersten Mal im Leben machten die Vriner Zeitgenossen die Erfahrung, was es heisst, eine neue Kultur im Umgang mit den Verstorbenen ins Leben zu rufen.

So liess beispielsweise der Entscheid für die Einrichtung einer Kaffeestube in der 'Sitva da morts' viele festgefahrene Dinge des Trauerprozesses trotz vieler Bedenken in einem positven Licht erscheinen: Eine heimelige Stube bietet Platz und Raum für den gemeinsamen Prozess des Abschiednehmens und schafft Nähe zu den Verstorbenen. Hier nimmt man nicht nur im Gebet vom Verstorbenen Abschied, sondern pflegt Gemeinschaft und, je nach Stimmungslage, erzählt man sich auch erheiternde Geschichten, die das Leben des Verstorbenen geschrieben hat. Es geht darum, den Tod eines Mitmenschen als unausweichliche Zäsur des irdischen Alltags bewusst wahrzunehmen und im Kollektiv zu verarbeiten. Ein nicht ganz neues Ritual, aber eines, das die Zurückgebliebenen in einem entscheidenden Moment ihres Lebens näher bringt.

Literatur:
Stiva da morts — Vom Nutzen der Architektur
Gion A. Caminada
gta Verlag, ETH Zürich
ISBN 3-85676-116-0

 



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