'Bien di e buna sera' sind nur zwei Grussworte, die den Besuchern der Lugnezer Dörfer entgegenklingen. Verkehrs- und Hinweistafeln aller Art, Firmen- und Geschäftsschilder, mehrsprachige Getränke- und Speisekarten weisen darauf hin, dass der Gast seine Ferien in der rätoromanischen Schweiz verbringt. Im Jahre 15 v. Chr. erklang die lateinische Sprache zum ersten Mal in den Bergen Rätiens, als der Alpenraum mit dem heutigen Graubünden zum Römischen Reich geschlagen wurde. Die Römer wurden damals kaum mit Jubel von den Rätern empfangen, dennoch, ihre Nachkommen sind stolz, dass sie sich zu den Erben der Römer zählen dürfen, denn diese brachten eine weit überlegene Kultur in das gebirgige Land. Aus der Verschmelzung des Volkslateins der römischen Soldaten, Beamten und Kaufleute und der Ursprachen der Räter entstand das Rätoromanische. Heute ist Rätoromanisch ein Sammelbegriff für fünf untergeordnete Sprachidiome. Gründe für diese schriftsprachliche Aufsplitterung des Rätoromanischen sind im geografischen, historischen, konfessionellen und sozialen Bereich zu suchen, denn konfessionell gespalten und wirtschaftlich nach verschiedenen Stellen ausgerichtet, pflegten die romanischen Sprachregionen bis zu Beginn der Industrialisierung kaum Kontakte untereinander.
Rätoromanische Sprachgruppen in Zahlen
Rätoromanisch bezeichnet man drei getrennte Sprachgruppen in verschiedenen Teilen des Alpengebietes: Gesprochen wird Friaulisch von etwa 500'000 Menschen in Norditalien in der Gegend von Udine, Dolomitenladinisch von etwa 30'000 Menschen in mehreren Tälern des Südtirols sowie Bündner Romanisch von etwa 50'000 Schweizern als Muttersprache.
Die romanische Sprachenlandschaft Graubündens umfasst nicht weniger als fünf Idiome und Dutzende von Ortsdialekten: das Sursilvan in der Surselva (17'000 Menschen), das Sutsilvan im Vorderrheintal (1'200), das Surmiran im Albulatal und dem Oberhalbstein, mit Ausnahme von Bravuogn (3'000), das Putèr im Oberengadin und Bravuogn (3'500) und das Vallader im Unterengadin und Münstertal (5'500). 65 Prozent der Bündner sprechen heute deutsch, 11 Prozent italienisch, 7 Prozent andere Sprachen und nur noch 17 Prozent romanisch.
Die Abwanderung belastet die vierte Landessprache schwer. In der Stadt Zürich leben zum Beispiel rund 2'000 Rätoromanen. Chur, der Hauptort des Kantons, gilt als heimliche Hauptstadt der Rätoromanen: von den rund 35'000 Einwohnern der Stadt sind etwa ein Zehntel romanischer Zunge. Hier wirken die wichtigsten Institutionen der rätoromanischen Sprachbewegung: die Ligia Romontscha als Dachvereinigung der Bündner Romanen, das Institut Dicziunari Romontsch Grischun, das ein enzyklopädisches Gesamtwörterbuch der rätoromanischen Sprach mit Einbezug von Sprach- und Kulturgeschichte herausgibt, die rätoromanischen Radio- und Fernseh-Programmstellen sowie die romanische Abteilung der Bündner Kantonsschule und des Lehrerseminars.
1983 lancierte die Ligia Romontscha das Rumantsch Grischun als einheitliche Schriftsprache. Das hat aber seine Tücken: Als 1995 die Steuerunterlagen erstmals in Romontsch Grischun an die Bewohner der Surselva verschickt wurden, verstand nicht jeder das neue Einheitsromanisch, so dass viele Einwohner die Erklärung in deutsch forderten. Der eigentliche Sinn des Esperantos für Rätoromanen ist die Spracherhaltung. Wenn auch Bestrebungen im Gange sind, Romontsch Grischun in die Schulen einzuführen und die jungen Generationen einen unvoreingenommen Zugang zur künstlichen Schriftsprache haben, bleibt eine gewisse Gefahr bestehen: Wo zur Zweisprachigkeit übergegangen wird, wird insbesondere die schwächere und wirtschaftlich unter Umständen weniger aussichtsvollere Sprache zurückgedrängt. Heute ist es für Land und Leute von brennender Bedeutung und Aktualität, den Sprachenschatz zu hüten, zu lieben und zu pflegen wie sich selbst. Denn, was einmal verlorengegangen ist, kehrt kaum mehr zurück!