Obwohl der moderne Mensch durch den Einsatz von Maschinen und Wissen bald keinen Stein mehr auf den anderen lässt, gibt es Steine an abgelegenen Orten, die Jahrtausende überdauert haben. Aussergewöhnliches Gestein wurde häufig von den früheren Menschen als göttliches Symbol verehrt. Einritzungen und gekerbte Zeichnungen auf Steinblöcken und in Felswänden gehören wohl zu den ältesten Spuren unserer Ahnen. Die Menschen glaubten an die geheimnisvollen Kräfte bestimmter Steine und feierten in ihrer Umgebung religiöse Rituale. Heute noch lassen viele Volkserzählungen die besondere Bedeutung erahnen, die solche Steine und Kultstätten für unsere Vorfahren hatten.
Auch in der Val Lumnezia sind Schalensteine mit runden Vertiefungen häufig anzutreffen. Je nach Standort dienten sie vermutlich den unterschiedlichsten Zwecken: zum Feuerbohren, als Öllichter oder etwa zum Malen von Körnen und Nüssen. Manche Forscher deuten die Darstellungen auf einigen Steinen als Sternbilder. Dass Schalensteine auch als Wegweiser benutzt wurden, wird ebenfalls an mehreren Orten bestätigt. Weit verbreitet sind auch eingemeisselte Zeichnungen, die menschlichen Füssen ähneln. Laut vielen Sagen sollen Hexen, Elfen, der Teufel oder Heilige auf diese Weise ihre Spuren hinterlassen haben. Als eine Art Mischung von Kultstein und astronomischem Messinstrument gilt der Crap da Treis Siarps (Stein der drei Schlagen) inmitten eines Megalithenzentrums am Steilhang unterhalb von Pleif in Vella. Zu diesem ehemaligen Kultzentrum zählen drei stark verwitterte Steinkreise. Charakteristisch für den Crap da treis Siarps ist eine dreieckige Schale, an deren Ecken je ein kleines Schälchen befindet. Zu jeder Schale wiederum führt eine bogenförmige Linie, die eine trinkende Schlange darstellt. Ergänzt wird das Schlangenbildnis durch einen eingemeisselten Halbmond. Beide Motive waren damals beliebte Symbole für das ewige Leben und die Wiedergeburt. In Anbetracht dieser Tatsache überrascht es nicht, dass der Totenweg von Peiden nach Pleif, damals Hauptkirche und Begräbnisort für das ganze Tal, an diesem symbolträchtigen Stein vorbeiführte. Zudem wurden früher auch astronomische Daten mit Hilfe von Mond- und Schlangenmotiven erfasst und festgehalten. Weiter taleinwärts gibt es noch mehr Zeugen religiöser Kultorte. Sie stehen vermutlich an Stellen, wo Erdenergie und Umgebung eine besondere Kraft und Faszination ausstrahlen. Man geht heute davon aus, dass die früheren Menschen viele Gesetzmässigkeiten der Natur kannten und sie für ihre Zwecke zu nutzen wussten. Vermutungen und Hypothesen gibt es heute deren viele, doch zu einer eindeutigen Erklärung wird es wahrscheinlich nie kommen.
Ausführliche Informationen zu den Kultobjekten in der Val Lumnezia finden Sie in 'Die Megalithe der Surselva Graubünden', Band II, Lumnezia/Valsertal von Ulrich und Greti Büchi.
Benutzte Quellen:
Wander-Revue 5/1995, Magalithe der Surselva, Bd. II