Machen Sie eine Reise in die tiefe Vergangenheit und erleben Sie die Geburt eines faustgrossen Gesteins, das auf dem heutigen Gemeindegebiet von Morissen aus den mächtigen Ablagerungen der Tethys, eines weltumspannenden Ozeans, vor rund 200 Millionen Jahren entstanden ist. Was die damals lebenden Dinosaurier wenig gekümmert haben dürfte, erregte die Aufmerksamkeit einer Gruppe von Wanderern. Dank des Geologiebeitrages über die Entstehung der Val Lumnezia in der letzten Ausgabe der Novitads turisticas fand das aufsehenerregende Gesteinsstück via Verkehrsbüro den Weg zum Geologen Conrad Cavigilli. Doch, lesen Sie gleich selbst, was das geschulte Auge des Fachmannes über die Entstehung und Zusammensetzung des auf dem Foto abgebildeten Urgesteins in Erfahrung bringen konnte.
Beim faustgrossen Fundstück handelt es sich um ein aus Ton und Kalk bestehendes Sedimentgestein, in der Fachsprache als Mergel bezeichnet. Kalk ist mit 5prozentiger Salzsäure, Ton mit dem Hauch- oder Geruchtest nachweisbar. Für das Auge gut erkennbar sind unterschiedlich dicke Schichten, die sich auch in ihrer Farbgebung voneinander deutlich unterscheiden. Womöglich zeigen die 0,5 cm etwas dunkleren und die 1 cm dicken, helleren Lagen einen Winter-Sommer-Wechsel an. Noch mehr Aufmerksamkeit erwecken die nicht schichtkonformen, hellbraunen Gänge aus Kalk oder verwittertem Dolomit (Rauhwacke), die das Handstück rundherum durchziehen. Eindeutig bestimmbar sind dagegen zwei schräg zu den Mergelschichten verlaufenden Quarzit-Intrusions-Phasen.
Das Gestein hat sich aus den Ablagerungsmassen der Tethys während der Zeit der Lias und Trias vor 225 - 175 Mio. Jahren geformt. Es gehört zur Sedimentdecke des Gotthardmassivs, welche u.a. auch das Gebiet nördlich des Glenners aufbaut. Die vielen Ritzen und Kratzer an der Ober- und Unterseite könnten durch den Transport der Gletscher oder eines Bergrutsches, d. h. durch die unsanfte Verfrachtung in einer Lockergesteinsformation entstanden sein. Zu Beginn der Alpenfaltung vor ca. 100 Mio. Jahren wurde der Meeresgrund der Tethys mit den Sedimenteformationen verdichtet, umgeformt und in die Höhe gehievt. Wo heute Gipfel trotzig in den Himmel ragen, erstreckte sich einst ein weites Meer. Seitdem treibt die Sonnenenergie Wind, Wetter und Gletscher an. Diese hinterlassen Spuren, die interessant und faszinierend zugleich sind.
Literaturhinweise:
Geologischer Führer der Schweiz, Heft 8, 1987, Wepf & Co. Basel; Cavigilli Conrad (1998): Geologische Geschichte des Tal des Lichts, Novitads turisticas, Sommerausgabe