
Im Talnamen «Lumnezia» ist zufällig auch die Vorsilbe «Lum» enthalten, was vorschnell und irrtümlicherweise zum lateinischen Wort «Lumen» weitergesponnen wurde und soviel wie «Licht» bedeutet. Auf der Suche nach einem passenden und werbewirksamen Slogan bei der Gestaltung eines neuen Talprospektes half die zu «Lumen» verlängerte Vorsilbe die Lugnezer Touristiker auf die Sprünge: Aus «Lumen» entstand wie von Geisterhand der zugkräftige Werbespruch «Val Lumnezia – Tal des Lichts». Diese irrtümliche Auslegung des Namens «Lumnezia» rief zurecht die aufmerksamen Sprachforscher auf den Plan. Doch wie recht sie alle haben, die gelehrten Linguisten und die gewieften Lugnezer Touristiker, aber auch Interessantes über die Räter und ihre Invasoren, können Sie in diesem Bericht nachlesen.
Soviel steht fest: Die archäologischen Beweise für die eindeutige Bestimmung des Talnamens «Lumnezia» schlummern womöglich noch im Boden. Die archäologischen Quellen sind im Vergleich zu den schriftlichen Überlieferungen schier unerschöpflich. Infolge der Bautätigkeit nachfolgender Generationen, des hektischen Baubooms der heutigen Zeit und der fehlenden Finanzen werden viele archäologische Quellen für immer zerstört oder bleiben unerforscht. Als W. Burkhart mit den Ausgrabungen in Crestaulta bei Surin (1935 - 1938) tätig war, äusserte er die Meinung, dass es auf dem Hügel von St. Lorenz bei Surcasti ebenfalls eine prähistorische Siedlung gelegen habe. Lage und Form der Anhöhe würden dafür sprechen. Bei Probebohrungen stiess Burkhart auf Mauerreste in der äussersten Ecke nördlich des Friedhofs. Durch den Bau der Burg Oberkastels im Mittelalter (ca. 13. Jahrhundert), der Kirche und des Friedhofs sind weitere Nachforschungen unmöglich. Erhärtet wurde seine Vermutung einige Jahre später durch den Fund einer bronzezeitlichen Urne in der Nähe des Laurentiushügels. Weitere Zeugen menschlicher Tätigkeit entstammen einer späteren, ausklingenden Phase der Eisenzeit um ca. 100 v. Chr. Im Frühling 1944 fanden Bauarbeiter bei einem Aushub ca. 150 m nordöstlich vom Burghügel einen Meter tief im Boden eine auf der Töpferscheibe hergestellte Kreiselflasche, eine sogenannte «Olpe a trottola». Solche Gefässe kommen oft in der südschweizerischen Lepontierkultur des Tessin und des Misox vor. Zweifellos musste das Tongefäss in einem durch Steine geschützten Grabraum gestanden haben, ansonsten wäre es durch den Erddruck vollständig zerdrückt worden. Aus den archäologischen Untersuchungsergebnissen ging hervor, dass Oberkastels die erste Siedlungsstätte der eisenzeitlichen Kulturepoche in der eigentlichen Val Lumnezia war. In der frühen und mittleren Bronzezeitsiedlung Crestaulta bei Surin (1700 - 1200 v. Chr.) haben Menschen in der Eisenzeit wohl nur vorübergehend gelebt. Ansonsten sind eisenzeitliche Funde nur in der Val Pilacus unterhalb Luven an der unmittelbaren Grenze zur Val Lumnezia bekannt. Durch Funde von Keramik, Metallobjekten und Kulturböden sind in Oberkastel Perioden der Bronzezeit, der mittleren und jüngeren Eisenzeit, der römischen Kaiserzeit, der spätrömischen Zeit sowie der nachrömischen Epochen belegt.
Enge Beziehungen zur Tessiner Lepontierkultur Der auf dem Burghügel Oberkastel gefundene «Tessiner» Topf ist bis heute etwas Neues für die Surselva. Weder in der rätischen Siedlung in Darvela bei Trun noch in der Val Pilac bei Luven wurden Tongefässe dieser Art zu Tage gefördert, die auf die südschweizerische Lepontierkultur des Tessin und des Misox schliessen lassen. Es sieht so aus, als hätte die Val Lumnezia engere Beziehungen zu Misox und dessen keltischen Bewohnern gepflegt als die übrige Surselva, obschon auch in Darvela und Luven Bronzeringe und Bernsteinfunde als Grabbeigaben entdeckt wurden, die auf die Lepontierkultur hinweisen.
In Flur- und Ortsnamen der Surselva verbirgt sich auch keltisches Wortgut Die Sprachforscher haben stets darauf hingedeutet, dass das Vorderrheingebiet einst auch von Kelten bewohnt gewesen sein müsse, da viele Namen und Ortsbezeichnungen keltischen Ursprungs sind. Die Lepontier waren ein mit den Kelten verwandtes Volk, welches das heutige Tessin und Teile Norditaliens bewohnte. Zeugnis davon liefert der Name «Valle Leventina», was soviel wie «Tal der Lepontier» bedeutet. Durch den Fund der Kreiselflasche mit einem dünnen Hals in Oberkastels wird eine enge Beziehung der Val Lumnezia zu den Lepontiern auch archäologisch gestützt. Wenn auch ein Fund allein durch Handelsbeziehungen erklärt werden kann, muss bei den keltischen Flur- und Ortsnamen schon auf eine Anwesenheit von lepontischem Volk in der Val Lumnezia geschlossen werden. Als Einwanderungswege der Lepontier von Süden her kamen sowohl die Route Misox-Bernhardin-Valserberg als auch der Marschweg Misox-Greina-Diesrutpass-Vrin in Frage. Flur- und Ortsnamen mit keltischen Wurzeln sind in der ganzen Surselva verbreitet (z.B. Breil, Nadels). Im Gegensatz zu Darvela und Luven wurde in Oberkastels bei Surcasti auch Grabkeramik der lepontischen Kultur gefunden. Die Val Lumnezia, näher am Misox gelegen und durch zwei Routen direkter mit dem Süden verbunden, wurde offenbar stärker von der Kultur der lepontischen Kelten beeinflusst. Der Ganzheit halber muss gesagt werden, dass sich die Kelten auch in andere Teile des heutigen Graubündens niedergelassen hatten. Über die Sprache der Urbewohner Rätiens weiss man so gut wie nichts. Ihre Sprache glich sich bei der Invasion fremder Völker jener der Eroberer an. Vor der römischen Invasion lebten Kelten, Lepontier, Räter und Etrusker in und rund um das heutige Graubünden. Auch damals haben sich die verschiedenen Sprachen wechselseitig befruchtet. Archäologische Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte bestätigen dies. Den Schluss auf rätisches Sprachgut lassen Wörter zu, deren Herkunft von keinen bekannten Sprachen abgeleitet werden kann. Vorrömische Sprachelemente offenbaren sich vorwiegend in Pflanzennamen culaischen (Vogelbeerbaum), lausser (Traubenkirsche), schiember (Arve), frosla (Hagebutte), in Wildnamen urlaun (Schneehuhn), musteila (Wiesel), in geländebeschreibenden Namen bleis (steiler Abhang), crap (Stein), grep (Fels) oder in Wörtern der bäuerlichen Kultur brenta (Rückentraggefäss), canvau (Mahd), penn (Buttermilch), umblaz (Jochschlaufe). Die wohl grösste, sprachliche Umwälzung der Geschichte Rätiens – abgesehen von den etymologischen Veränderungen der modern Zeit – nahm im Jahre 15 v. Chr. ihren Anfang, als römische Legionen unter der Führung der beiden Stiefsöhne des Kaisers Augustus, Drusus und Tiberius, den Alpenraum eroberten und zum Römischen Reich schlugen. Aus der Verschmelzung des Volkslateins der römischen Soldaten, Beamten und Kaufleute entwickelte sich ein Vulgärlatein rätischer Prägung, das man auch als Urrätoromanisch bezeichnen könnte.


Dennoch, Lumnezia stammt nicht vom lateinischen Lumen Der Name «Lumnezia» wird aus dem keltischen Wort «Leponetia» abgeleitet. «Val Lumnezia» heisst also soviel wie «Valle Leventina» wie ihre Namensvetterin im Tessin. Wie Carli Tomaschett in der romanischen Tageszeitung «La Quotidiana» vom 1.10.1999 schreibt, stammt der Name «Lumnezia» von «Leponita», vom Wortstamm «Lepon(t)» und der Endung «-itia». Somit wäre auch der sprachwissenschaftliche Beweis geliefert, dass «Val Lumnezia» Tal der Lepontier und nicht etwa, vom lateinischen Wort «Lumen» abgeleitet, Tal des Lichts heisst. Uns «Lepontierinnen und Lepontiern» kann das auch recht sein, denn das steht keineswegs im Widerspruch zur ruhigen und sonnigen Lage der offenen Val Lumnezia an der unmittelbaren Grenze zur Sonnenstube der Schweiz. Im Tal des Lichts hält eine ausgewogene und nachhaltige Wirtschaftsstruktur Landwirtschaft, Handel, Gewerbe und Tourismus im Gleichgewicht. Hier entfaltet sich die Natur um so mehr. Es ist ein Geheimtipp für Gäste mit offenem Herzen für aktive Ferien im Schosse der Natur und im Zauber des natürlichen Lichts und der stillen Berglandschaften.
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